Rentner an die Macht…
Es ist wohl mindestens schon zwei Jahrzehnte her, dass Herbert Grönemeyer seinen Erfolgssong “Kinder an die Macht” auf den Markt brachte. Inhaltlich ist das natürlich nach wie vor eine gute Botschaft, doch an den aktuellen Schlagzeilen in der Presse und der demografischen Entwicklung kommt ja niemand vorbei. Da wird sogar Angst geschürt, was ich für überzogen und falsch halte. “Rentner an die Macht” - warum eigentlich nicht. Und überhaupt, wieso schließt eine solche These eigentlich die junge Generation aus? In der Musikstadt wird schon eine geraume Zeit über dieses Thema diskutiert - oder besser: getuschelt…
Und das nicht erst seit Demografiesymposien und den Ideen für das Mehrgenerationenhaus im entstehenden Bürgerzentrum der Ruine Cruciskirche. Natürlich machen sich jüngere Menschen Sorgen über die Zukunft der Musikstadt. Zumal, wenn sie in der Region keinen gescheiten Arbeitsplatz bekommen. Noch nicht, denn dieses Szenario dürfte schon bald Geschichte sein. Dann wird man auch hier händeringend um junge Kräfte buhlen.
Und weil das genau kommen dürfte, sollten sich Betriebe, Vereine und vor allem die politischen Organisationen rechtzeitig darauf einstellen. Konkret: Wenn weniger junge Menschen für Stellen zur Verfügung stehen, wird man aus reinem “Überlebenstrieb” um eben diese “kämpfen”. Was aber nicht bedeutet, dass alle junge Menschen eben die Ausbildung für den Job haben, der künftig gebraucht wird. Es kommt zu “Anpassungsprozessen”. Und was etwa Hausbesitzer und Vermieter angeht, die werden verstärkt wetteifern, um junge Leute “in die Hütte” zu bekommen, solche, die auch mal schnell und unbürokratisch zupacken können. Und genau diesen jungen Menschen werden das erkennen, ihren “Marktwert” nämlich. Sie müssen also nicht bange sein.
Heute haben viele ältere Menschen Angst davor, abgeschoben zu sein, nicht mehr gebraucht zu werden. Und diese Ängste sind ja aktuell auch NOCH berechtigt. Weil die ältere Generation ihre zunehmende und künftige “Machtposition” noch nicht erkannt hat oder begreifen will. Zugegeben, wer “verbraucht”, abgearbeitet und vielleicht auch krank ist, der möchte im fortgeschrittenen Alter einfach etwas Ruhe und auch Zuwendung haben.
Aber wer noch gut drauf ist (oder sein möchte), der soll und arf das bitte auch zeigen. Wenn gerade die Senioren (oder jene, die das künftig werden) nicht mobilisiert, aktiviert werden, dann hat unsere Gesellschaft schlechte Karten. Vereine und Verbände, die gerade rüstigen Senioren Chancen zur Betätigung geben, diese aktiv einbinden, ihr Know how nutzen, so dazu beitragen, dass sich ältere Menschen willkommen, ja dringend gebraucht vorkommen, werden bei diesen Entwicklung gewinnen - an Mitgliedern und an Einfluss.
Irgendwann werden unsere betagten Mitbürger begreifen, dass es ein Fülle von Aufgaben und Herausforderungen gibt, wo sie noch gebraucht werden, wo sie sich sogar noch profilieren können. Sie werden dann aktiver als heute bemüht sein, ihr Umfeld - Freizeit, Politik, gegenseitige Hilfe - mitzugestalten. Natürlich ist das eine Macht, aber sie ist aufbauend-konstruktiv. Auch aus einer gewissen Not heraus werden sich ältere Menschen organisieren, aber nicht gegen die Jugend, sondern für sich selbst, für die Gestaltung ihrer Freizeit, für die Hilfe untereinander etc. etc. Weil nämlich der Ruf nach Hilfe und Unterstützung sonst immer weniger gehört wird. Ich bin überzeugt davon, dass die künftigen Senioren (und die von heute, die das wollen) das “Kind schon schaukeln werden”. Allerdings wird das mit immer weniger Staat passieren, stattdessen immer mehr Eigeninitiative und Selbsthilfe gefragt sein. Und ich glaube, das das genau eine Chance ist…